Wenn ein Mensch sich entschließt, den Weg des Wing Tsun zu gehen, dann tut er das (meistens) zunächst in der Hoffnung, zu lernen, sich gegen körperliche Angriffe böswilliger Menschen verteidigen zu können. Dabei erkennt er, dass einige seiner Denk- und Verhaltensweisen, Reaktionen und Bewegungen dafür nicht optimal sind – oft entgegen seiner bisherigen Überzeugung. Der WT-Anfänger merkt dies sehr bald auf verschiedene Weise, z.B.: Sein Lehrer ermahnt ihn immer wieder, sich weich und locker zu bewegen. Sein Gehirn vermittelt dem Schüler die Illusion, doch ganz locker und entspannt da zu stehen. Wenn sein Lehrer dann jedoch die Arme mit ihm kreuzt, hört der Schüler von ihm die Frage: „Warum drückst Du so dagegen?“ Und mit seiner Antwort „Aber ich drück doch gar nicht!“ zeigt der Schüler, dass sein Gehirn ihm noch immer etwas vorgaukelt.
Im WT lernen wir „umdenken“ So wie mit einer Korrektur unserer Sprache unsere Gedanken geschult und mit unseren Gedanken unsere Sprache verfeinert wird, so beeinflusst eine Korrektur und Verfeinerung unserer Körperbewegungen unser Gehirn. In unserem Gehirn werden damit alte und weniger effiziente Denkmuster und Gewohnheiten korrigiert oder gelöscht und ersetzt. Wir lernen, unsere Körperbewegungen so zu korrigieren und zu koordinieren, dass wir in kritischen Situationen schneller und effizienter reagieren. Im Laufe der Jahre werden die positiven Auswirkungen des WT-Trainings dann auch erkennbar in unserem Alltag, in unseren Handlungen, in unseren Gewohnheiten: In den Formen, Sektionen und im Partner-Training wachsen unsere Konzentrations-Fähigkeit und unsere Aufmerksamkeit. Denn wir sind gezwungen, uns dabei ständig und voll auf die eigenen Bewegungen und die unseres Trainings-Partners zu konzentrieren. Unser Bewusstsein für alles was ist wird erweitert und mit Bescheidenheit empfinden wir Respekt vor allem was ist. Wir lernen, einen Standpunkt zu haben und stabil zu vertreten, jedoch auch, dass wir unangenehme Situationen entschärfen, wenn wir nicht auf unserem Standpunkt beharren, sondern nachgeben. Eine stabile Haltung in Körper und Geist in möglichst jeder Situation bewahrt uns unser äußeres und inneres Gleichgewicht, jedoch nur, wenn wir flexibel auch auf schnelle Veränderungen reagieren. Wenn wir ökonomisch mit unserer Energie umgehen, sie nicht unnötig vergeuden, indem wir voreilig vorprellen oder überreagieren, finden wir Ruhe und Gelassenheit, um zunächst abzuwarten, uns zurück zu nehmen, „in uns“ zu ruhen, „bei uns“, in „unserer Mitte“ zu bleiben. Unsere Aktionen und Reaktionen richten sich nach der Maxime: „Weniger ist oft mehr!“. In entspanntem Zustand erleben wir eine Zunahme unserer Reaktions-Geschwindigkeit. Mit unserem wachsenden Selbst-Bewusstsein wächst auch unser Selbst-Vertrauen. Wir begreifen, dass wir Andere und ihr Verhalten nicht ändern können. Wir können jedoch Probleme vermeiden, indem wir unsere Einstellung und Haltung zu Anderen ändern. Wir lernen, zu akzeptieren, anzunehmen was ist und was kommt, uns darauf einzustellen, nicht an vorgefassten Meinungen festzuklammern und uns nicht mit Vergeudung unserer Kraft dem entgegen zu stellen, was uns nicht gefällt. Mit größerer Achtsamkeit und Feinfühligkeit werden wir fähig, alles laufen, alles fließen zu lassen, selbst im Fluss zu bleiben, und dabei doch den Kontakt und die Kontrolle zu behalten. Wir setzen uns Ziele, die wir verfolgen, an denen wir dran bleiben. Wir versteifen uns jedoch nicht darauf, und haben auch keine Erwartungen damit. Statt dessen erkennen wir Gelegenheiten und nutzen wir Chancen, die sich uns anderweitig bieten. Mit Freude und Dankbarkeit genießen wir all diese Geschenke, sind uns jedoch auch unserer Verantwortung bewusst, gewissenhaft damit umzugehen.
Das alles sind lohnenswerte Ziele – und Wing Tsun bietet uns die Möglichkeit, sie uns zu erarbeiten.
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