WingTsun-Kampfprinzip Nr. 1

Nun haben wir ein Ziel - wie kommen wir dahin?
Wir denken zunächst an unsere „stabile Haltung“ und an unseren „eigenen Schutz“.
Im Wing Tsun gilt Kampfprinzip Nr. 1: „Ist der Weg frei, stoß vor!“
Mit diesem Prinzip übernehmen wir im Kampf von Anfang an die Führung.
Auf feindseliges Überschreiten der eigenen Grenzen
reagieren wir mit dieser „Universallösung“.
Dabei spielt die Art und Weise des gegnerischen Angriffs keine Rolle.
Egal ob körperlich oder geistig – es geht darum, selbst die Initiative zu ergreifen und
dem Angreifer zuvorzukommen.
Anstatt erst abzuwehren, greifen wir selbst an.
Wenn wir damit schon unser Ziel erreichen, haben wir gute Chancen,
den Angriff zu unserem Vorteil zu beenden.

WingTsun-Kampfprinzip Nr. 2

Ist der „Weg“ nicht frei, weil der Angreifer zu seinem Schutz
mit seinen Armen und Händen „Hindernisse“ aufbaut,
müssen wir uns entweder einen „Weg“ durch diese „Hindernisse“ suchen oder
ein neues Ziel auswählen.
Das gelingt uns leichter, wenn wir mit dem Angreifer körperlichen Kontakt aufnehmen,
indem wir seine Arme (möglichst an den Handgelenken) berühren.
Wir handeln damit nach dem WT-Kampfprinzip Nr. 2:
„Wenn der Weg nicht frei ist und Du Kontakt hast, bleib kleben!“
Damit bekommen wir alle Informationen über die Absichten des Angreifers schon,
bevor er sich bewegt und können entsprechend schnell reagieren.
Körperlich wie geistig bedeutet dies, den Kontakt zum Angreifer zu halten, und
ihm damit den Raum zu nehmen, zu agieren.
Dabei achten wir ständig darauf, ob der Weg zu unserem Ziel frei wird oder
ob sich ein neuer Weg zu einem anderen Ziel auftut.

"Sei wie eine Briefmarke.
Bleib an einer Sache dran, bis du am Ziel bist."
(Josh Billings)

WingTsun-Kampfprinzip Nr. 3

Ist die Kraft des Gegners zu groß, lassen wir seine Angriffs-Energie wirkungslos verpuffen.
In dieser Phase gilt WT-Kampfprinzip Nr. 3:
„Wenn die Kraft des Gegners größer ist, gib nach, verforme Dich!“
Wir lassen ihn ins Leere laufen, indem wir weich und kontrolliert nachgeben,
unseren Körper durch die Angriffs-Energie verformen lassen.
Unsere Reflexe lassen uns als Angegriffene automatisch richtig reagieren!
Und weiterhin gelten die Kampfprinzipien 1 und 2.

WingTsun-Kampfprinzip Nr. 4

Für den Fall, dass der Gegner sich zurück ziehen will
(vielleicht nur, um neu ausholen zu können)
gilt WT-Kampfprinzip Nr. 4:
„Wenn der Gegner zurück weicht, folge ihm nach“.
Wir bleiben dran und lassen dem Gegner keine Zeit mehr,
sich zu erholen, neu auszurichten und zu orientieren.
Aufgrund unseres ständigen Vorwärtsdrucks dringen wir sofort und automatisch wie Wasser
in jede sich ergebende Lücke.
Und weiterhin gelten die Kampfprinzipien 1 und 2.

WingTsun-Kraftprinzip Nr. 1

„Kontakt halten, kleben bleiben“ heißt nicht „klammern“,
nicht „festhalten“ und vor allem nicht „dagegen drücken“!
Dafür gilt das wohl schwierigste von allen WT-Prinzipien, das WT-Kraftprinzip Nr. 1:
„Mach Dich frei von Deiner eigenen Kraft!“.
Das bedeutet:
„Bekämpfe nicht Kraft mit Kraft! Vergeude keine Energie!
Fessle Dich nicht an die Bewegungen des Gegners!“.
Wir lernen, unsere Muskulatur gezielt anzuspannen und sofort wieder zu entspannen.
Denn nur entspannte Muskulatur ist fähig, erst nachzugeben und dann
schnell und kraftvoll zu reagieren!
Energie ist knapp, auch in der Selbstverteidigung.
Deshalb gehen wir sparsam damit um.

Kraft = Masse x Geschwindigkeit

Wenn wir in einem Kampf unsere Muskeln anspannen,
verringern wir damit unsere eigene Geschwindigkeit.
Deshalb verwenden wir unsere Kraft ökonomischer,
indem wir mit ihr einfach unsere „Waffen“ beschleunigen.
Mit höherer Geschwindigkeit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit,
dass wir unser Ziel erreichen.
In diesem Moment zeigt sich die Wirkung einer simplen physikalischen Formel:
„Kraft = Masse x Geschwindigkeit“.

WingTsun-Kraftprinzip Nr. 2

Damit wir der Kraft des Gegners nicht ausgeliefert sind,
handeln wir nach dem WT-Kraftprinzip Nr. 2:
„Mach Dich frei von der Kraft des Gegners!“
Wenn der Gegner drückt, dann ziehen wir.
Wenn der Gegner zieht, dann drücken wir.
Bei seinem Angriff lassen wir den Angreifer dorthin, wo er hin will.
Wir bleiben jedoch nicht da, wir sind weg, wir entfernen sein Ziel.
Wir bewegen uns auf eine andere Position, wo wir sicher sind und
von der aus wir unseren Gegenangriff leichter starten können.
Dabei weichen wir nicht einfach aus,
sonst könnte der Angreifer seine Strategie korrigieren.
Wir kontrollieren seine Bewegungen, indem wir Kontakt zu ihm halten
(WT-Kampfprinzip 2).
Dieser Kontakt darf für den Angreifer jedoch nur leicht wahrnehmbar sein,
damit er keine Informationen über unser Vorhaben erhält.

WingTsun-Kraftprinzip Nr. 3

Der Angreifer hält nicht brav still und lässt uns agieren!
Er wird weiterhin sein Ziel verfolgen – uns zu treffen.
Für uns entsteht daraus jedoch ein Vorteil:
Die wenigsten Angreifer können nämlich angreifen und
gleichzeitig dabei sich selbst schützen.
Hierfür gilt das WT-Kraftprinzip Nr. 3:
„Verwende die Kraft des Gegners zu Deinem Vorteil gegen ihn selbst!“
Wir wehren den Angreifer nicht ab.
Wir behindern ihn nicht auf seinem Weg zu seinem Ziel.
Wir „begleiten“ ihn dorthin.
Wir haben damit Kontrolle über ihn.
Wir nehmen ihm nur im letzten Moment sein Ziel weg.
Den Schwung, die Kraft, die er aufwendet, um sein Ziel zu erreichen,
nutzen wir zu unserem Vorteil, zu unserem Gegenangriff.
Die Kraft des Angreifers ist Energie, die wir uns „borgen“,
für uns selbst nutzen und gegen den Angreifer verwenden können!
Vergleichbar mit einer Stahlfeder:
Je mehr die Feder zusammengedrückt wird,
umso stärker schnellt sie nach dem Loslassen wieder hoch.

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Wolfgang Pecher

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