Siu Nim Tau

„Eine kleine Idee“, …

… das bedeutet der Name “Siu Nim Tau” (SNT), eine kleine Idee der im Wing Tsun (WT) enthaltenen Hand- und Arm-Techniken.
Die SNT ist die erste von insgesamt drei Formen ohne Waffen und Geräte.
Wenn jemand damit beginnt, WT zu lernen, gehört es in – vermutlich allen – WT-Schulen bereits in den ersten Stunden zum Unterrichtsstoff, die SNT zu üben.

Auch ich habe mit WT so begonnen im Jahr 1996.
Ich war irgendwann vom Sinn und Nutzen der SNT sogar so sehr überzeugt, dass ich die SNT zum Inhalt meiner schriftlichen Arbeit für die Prüfung zum 2. Lehrergrad (2. HG) bei der EWTO im Jahr 2011 machte.
Und ich befasste mich dabei so gründlich mit dieser Form, dass ich statt der geforderten 5 – 6 Seiten einen Aufsatz über 30 Seiten verfasste.

Sinnvoll oder unsinnig?

Inzwischen sehe ich die SNT jedoch aus einer kritischeren Perspektive.
Seit 2008 arbeite ich als Kampfkunst-Lehrer im Vollzeit-Beruf und befasse mich mit WT in Theorie und Praxis ca. 40 Stunden/Woche.
Ursprünglich hatte ich es nur mit Privatschülern zu tun, deren vorrangiges Ziel darin besteht, zu lernen, wie sie sich in gefährlichen Situationen schützen und verteidigen können.
Sie wollen von mir im privaten Einzel-Unterricht „Selbstverteidigung auf Basis von Wing Tsun“ lernen.
Das Unterrichten einer Form – wie z. B. die SNT – erschien mir mit dieser Zielsetzung nicht sinnvoll.

Seit einigen Jahren unterrichte ich zudem regelmäßig eine kleine Gruppe ehemaliger Teilnehmer meiner SV-Kurse, die über das in meinem Kurs erlernte Grundwissen hinaus WT weiter lernen und trainieren wollen.
Diesen vermittelte ich daher zunächst auch die SNT.
Dabei konnte ich jedoch immer wieder beobachten, wie schwierig es für einen Anfänger zunächst ist, alle in der SNT enthaltenen Bewegungen korrekt auszuführen.
Solange ich neben ihm stehe, kann ich helfen und korrigieren.
Ansonsten werden viele Bewegungen dieser Form von ihm jedoch falsch ausgeführt.
Bei entsprechender Häufigkeit gewöhnt der Schüler sich diese falschen Bewegungen an und kann sie sich später nur mit größter Mühe wieder abgewöhnen!
So ist es mir als Schüler selbst ergangen, und so konnte ich es auch in jeder WT-Schule und auf jedem WT-Lehrgang beobachten.

Grundsätzlich besteht der Sinn einer Form darin, dass der Schüler damit bereits Gelerntes festigt und vertieft, und nicht, dass er die in der Form enthaltenen Bewegungen erst mit der Ausübung der Form lernt.

Form follows function!

Bis ein WT-Schüler den Inhalt der SNT so gelernt hat und beherrscht, dass er das Gelernte mit dem Üben der SNT festigen und vertiefen kann, vergehen jedoch (je nach Trainings-Häufigkeit und -Intensität) einige Monate oder gar Jahre!

Die wenigsten WT-Schüler beherrschen z. B. nach ein paar Monaten schon einen „Bong-Sao“.
In der SNT sollen sie ihn jedoch ausführen!
Mangels Kenntnis und Übung wird diese Ausführung immer fehlerhaft!
Und die fehlerhafte Ausführung wird je nach Häufigkeit (s. o.) zur Gewohnheit!

Ein weiteres Beispiel:
Kaum ein WTler kennt den in der SNT enthaltenen “Ong-Cheung“.
Und nur wenige WT-Lehrer (!) können Anwendung und Nutzen des “Ong-Cheung” erklären!
Deshalb wird er von Vielen – selbst von Fortgeschrittenen und Lehrern (!) – in der SNT auch nur schlampig ausgeführt.
Welchen Sinn macht es also, dass ein Anfänger Bewegungen übt, die nicht mal sein Lehrer kennt?

(Vermutlich werden  einige WTler jetzt nach dem „Ong-Cheung“ suchen ;-) !)

Somit bin ich inzwischen der Meinung, dass die SNT nur von fortgeschrittenen Schülern gelernt und geübt werden sollte und zwar erst dann, wenn sie die einzelnen Bewegungen “verinnerlicht” haben.
Und sie sollte nur von Lehrern unterrichtet werden, die sowohl alle Bewegungen der SNT kennen und beherrschen, als auch deren Sinn und Nutzen verstanden haben und dies ihren Schülern auch erklären können!

Einen Anfänger (oder niedrigen Schülergrad) damit zu „quälen“, halte ich für Zeitverschwendung!
Oft ist es ja sogar so, dass ein neuer Schüler im WT-Unterricht nur deshalb zum Üben der SNT angeleitet wird, weil er dann für eine Weile „beschäftigt” ist. Der für ihn zuständige Ausbilder hat somit wieder Zeit, sich mit sich selbst oder seinen anderen Schülern zu befassen.
Und ich habe persönlich erlebt, wie der Leiter einer WT-Schule seine Schüler (die grad mal seit einem Jahr WT lernten und die SNT bei weitem noch nicht beherrschten) geradezu drängte, endlich mit der 2. Form, der „Chum Kiu“ zu beginnen!
Mit kompetentem, sinnvollem und nutzbringendem Unterricht hat das absolut NICHTS zu tun!

Inzwischen bezweifle ich sogar den Sinn und den praktischen Nutzen der SNT.
Die Theorie dahinter übersteigt das Verständnis vieler Lehrer, erst recht das der Schüler.
Und die darin enthaltenen Bewegungen sind ziemlich weit weg von realistischen Situationen.
Wie oft kommt es z. B. in der Realität zur Ausführung eines gekreuzten Tan-Sao oder eines gekreuzten Gan-Sao?
Wozu soll der SNT-Übende eine Sao-Kuen lernen, wenn der Grundgedanke des WT doch “vorwärts” lautet?

Noch ein Beispiel zur “Realitätsferne” in der SNT – die Huen-Sao:
Der 2. Satz der SNT beginnt mit einem Fauststoß, der dann in eine Huen-Sao gewandelt wird.
Der Ausführung (gestreckter Arm, Handfläche nach oben) kann man allenfalls einen symbolischen Wert beimessen, ein realer Nutzen ist darin jedoch nicht erkennbar!
Der 3. Satz der SNT beginnt mit einer Tan-Sao, die dann mit einer Huen-Sao in eine Wu-Sao gewandelt wird.
Jeder WTler wird mir zustimmen, dass wir auf einen Druck von außen gegen unsere Tan-Sao eher mit einem Bong-Sao reagieren als mit einer Huen-Sao bzw. Wu-Sao!
Dagegen ist es absolut sinnvoll, bei einem Druck von innen gegen unsere Pak-Sao diese mit Huen-Sao in eine Tan-Sao zu verwandeln.
Diese – aus meiner Sicht – wahrscheinlichere Variante wird in der SNT jedoch nicht berücksichtigt!

Bei meiner Kritik an der SNT wurde mir schon öfter gesagt, dass ich das Wesentliche der SNT nicht verstanden habe, denn viele Anhänger der SNT suchen in ihr nicht den Bezug zur Praxis, sondern eine Möglichkeit, das eigene Körperbewusstsein zu vertiefen, Bewegungen zu optimieren, zur eigenen “Mitte” zu finden.
Dies lässt sich jedoch auch mit dem Üben der Bewegungen erreichen, die der WT-Schüler im Unterricht von Beginn an lernt (Pak-, Tan-, Gam-, Gan-, Fook-, Kao-, Jam- und Bong-Sao), und zwar in einem realitätsnahen Zusammenhang!
Und diese Basis-Bewegungen können – wie in der SNT – ebenfalls in eine “Form” gefasst werden.
Mit dem Üben dieser “Form” vertiefen und festigen WT-Anfänger und -Fortgeschrittene ebenfalls bereits gelernte Bewegungen, können damit jedoch auch ganz leicht einen Bezug zur Realität erkennen, was das Lernen und Behalten zusätzlich erleichtert.
Diese “Form” passt zum Entwicklungsstand des WT-Lernenden und ist parallel zu seinen Fortschritten erweiterbar.
Wie in der SNT kann er damit sein Körper-Bewusstsein vertiefen, seine Bewegungen optimieren und zu seiner “Mitte” finden.
Und zwar – nach meiner Erfahrung – schneller, einfacher und besser als mit der SNT, weil diese “Form” identisch ist mit den im Unterricht erlernten Bewegungen, und weil sie nicht auf abstrakte, sondern auf realistische Situationen abgestimmt ist.

Bruce Lee: “Was wir heute wissen und können, verdanken wir Wing Chun! Aber wir sollten darüber hinaus gehen!”

Die SNT nur deshalb zu üben, weil es Tradition ist, weil das Alle so machen, weil das bisher schon immer so gemacht wurde, halte ich für sinnlos!
Wir sollten uns doch immer wieder mal fragen, ob das, was schon immer so gemacht wurde, den inzwischen gewachsenen Erkenntnissen und Ansprüchen noch standhält.

Wir entwickeln uns nicht weiter, wenn wir uns immer nur auf ausgetretenen Trampelpfaden bewegen, wenn wir immer nur nachmachen, was Andere bisher getan und für gut befunden haben!

Wir sollten den Mut haben, uns immer wieder selbst in Frage zu stellen, Bestehendes kritisch zu hinterfragen und neue Wege zu gehen, wenn traditionelle Gedanken und Handlungen möglicherweise nicht mehr zeitgemäß sind!

Zwar ist es immer angebracht, Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen eines Meisters anzuerkennen, anzunehmen und davon zu lernen! Wir sollten und dürfen uns jedoch zwischendurch auch eigene Gedanken machen!
(Genau das haben die, die sich heute “Meister” und “Großmeister” nennen, ja irgendwann auch mal getan!)

Und auch als Lehrer müssen wir uns immer wieder mal fragen, ob wirklich alles, was wir in der Vergangenheit als Schüler von unseren Lehrern bekommen haben, immer noch gut genug ist, sodass wir es künftig guten Gewissens an unsere Schüler weiter geben können!

„Besser auf neuen Wegen ein wenig stolpern, als auf alten Pfaden stehen bleiben.“ (Sprichwort aus China)

 

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1 Kommentar

  1. sui nim tau

    ich habe grundkenntnisse im all style ving chun, ich praktizierte 10 jahre
    taekwondo, und 1 jahr boxen.

    sui nim tau fiel mir schwer zu lernen. das problem ist man sieht
    als schüler den lehrer von vorn, der macht in der regel mehr als 5 bewegungen
    wie soll ein schüler sich das merken. dh man muss die ganze sui nim tau
    zerlegen und stück für stück üben.

    ich denke dass diese übung dazu dient, dass man in einer konkreten
    gefahr instinktiv die richtige bewegung ausführt.
    bei notwehr muss diese dann auch angemessen und verhältnismässig sein.

    am besten in keine gefahrensituation geraten.

    bernd eisermann kiel ex-polizist cdu-wähler

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